Zwei oder drei, das ist nicht viel, bestimmt nicht, wenn
der eine blind,
der andere taub und ein dritter lahm ist.
Zwei oder drei, das ist unendlich mehr als einer allein,
bestimmt wenn der eine blind,
der andere taub und ein Dritter lahm ist.
Denn
der Blinde wird das Ohr für den Tauben, und der Taube wird das Auge für den
Blinden,
und gemeinsam tragen sie den Lahmen, und so gehen sie alle drei, wohin
einer allein nicht kommen kann.
(Diethard Zils)
Regionale Gruppen haben vor allem die Aufgabe, den
Geist des "Aufbruchs" zu fördern. Sie wollen niemanden missionieren,
sondern klar machen: Die größte Chance zur Veränderung liegt in Deinem
eigenen Leben. In den Gruppen, die sich in der Regel 1x monatlich
treffen, werden Ideen gesammelt, hier spricht man offen und aufmerksam
miteinander, hier gibt man sich gegenseitig Unterstützung und lernt
Menschen kennen, die Lust haben, die Theorie eines zukunftsfähigen
Lebens Schritt für Schritt in die Praxis umzusetzen. Aber auch wichtig:
Regionale Gruppen sind keine Vereinssitzungen und sollen niemanden
unter Druck setzen.
Auch wer an keiner solchen Gruppe
teilnehmen kann oder will, der kann von uns den ca. alle zwei Monate
erscheinenden Gruppen-Rundbrief "Proviant" per E-Mail erhalten. Schickt
den entsprechenden Wunsch bitte an
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können
Was ist eine „Aufbruch"-
Gruppe?
Was eine „Aufbruch"-Gruppe ist, konnte man in der Mitte unserer Republik erleben. Zum zweiten Mal waren alle
örtlichen „Aufbruch"-Gruppen zu einem bundesweiten Treffen eingeladen. Eine
Werkstatt sollte es werden: für Erfahrungsaustausch untereinander, zur
Erneuerung der Inspiration, zur Planung der Aktivitäten übers Jahr und nicht
zuletzt zum Feiern der ersten fünf Jahre unseres Netzwerks. Und tatsächlich kamen 35 Menschen aus 17 der
über 20 bestehenden und entstehenden Gruppen zu einem Wochenende nach Kassel.
Das Seminarhaus der Kommune Niederkaufungen, schlicht aber bunt-alternativ und
mit bester Vollwert-Verpflegung, war ein idealer Ort für solch ein Treffen.
Ein
erster Höhepunkt wurde erreicht, als am Samstag Vormittag die Anwesenden reihum
berichteten, wie ihre jeweilige Gruppe lebt, wie sie sich zusammensetzt, wie
sie ihre Treffen gestaltet, was sie nährt. Natürlich hörte man dabei auch von
enttäuschenden Erfahrungen, aber im Ganzen ergab sich ein sehr ermutigendes und
vielfältiges Bild. Dabei ließen sich Grundzüge einer „typischen"
„Aufbruch"-Gruppe erkennen: man trifft sich monatlich einmal für 2 - 3 Stunden,
manche erst seit kurzem, etliche schon seit 3 - 4 Jahren; man sitzt im Kreis um
eine dekorierte Mitte mit einer Kerze; eine Runde mit einem Sprechstein (wer
den in der Hand hält, wird von niemandem unterbrochen) gibt am Anfang Raum für
ganz persönliches Mitteilen von dem, was einen gerade beglückt oder bedrückt,
und schafft so eine Atmosphäre persönlicher Vertrautheit; in einer weiteren
Phase werden Informationen weitergegeben; und dann wird ein verabredetes
„Aufbruch"-relevantes Thema von einer Person eingeführt und von allen
besprochen; nicht alle Gruppen, aber doch die Mehrheit schließen die
Zusammenkunft mit einem kleinen spirituellen Ritual. Die Vielfalt der Themen,
die fast ausschließlich von Gruppen-Mitgliedern eingebracht werden, nur selten
von eingeladenen Referenten oder Referentinnen, entspricht der Spannweite
unseres Basistextes und der Aufbruch-Broschüre. Sie reicht von ganz praktischen
Fragen einer mitweltverträglichen und weltsolidarischen Lebensweise bis zu
gesellschaftspolitischen Problemen, von philosophisch-weltanschaulichen
Aspekten bis zu spirituellen Impulsen. Bemerkenswert war, dass „ältere"
Gruppen, die dieses Themenfeld schon länger umkreist haben, inzwischen mit
kleinen Aktionen nach außen wirken wollen, um auch ferner stehende Menschen auf
eine zukunftsfähige Lebensweise hin anzusprechen. Dabei blieb aber Konsens,
dass das Netzwerk „Aufbruch" nicht all den bestehenden Aktionsgruppen von
Greenpeace, BUND, attac, Pax Christi usw. Konkurrenz machen sollte, sondern den
Fokus bei dem halten will, was den politischen Gruppen meist fehlt: bei der
eigenen Motivation und Inspiration zum Handeln, besonders hinsichtlich des
persönlichen Lebensstiles.
Einen
breiten zeitlichen Rahmen unserer Werkstatt nahmen dann die Arbeitsgruppen ein,
deren Themen am ersten Abend bereits gemeinsam formuliert worden waren. Das
meiste Interesse fand das von Gabi Bott (Ökodorf Siebenlinden) angebotene
Kennenlernen der Tiefenökologie, jener Verbindung von Emotion, Theorie, Praxis
und Spiritualität, die so gut zum „Aufbruch" passt, ja zu dessen Nährboden
gehört. Dabei zeigte Gabi, wie es zum Wesen der Tiefen Ökologie gehört, dass
sie hauptsächlich durch Erfahrungs-Übungen vermittelt wird.
Großes
Interesse fand auch die von Gerhard Breidenstein angeleitete AG zu Fragen des
Starts einer Gruppe, der Gestaltung eines Abends oder zum Umgang mit
schwierigen Teilnehmenden. Da flossen die Erfahrungen hin und her! Zwei
kleinere AGs befassten sich mit Öffentlichkeitsarbeit und mit dem
bedingungslosen Grundeinkommen.
Ein
weiterer Höhepunkt entstand am Samstag Abend. Zunächst skizzierte Gerhard die
kurze, aber immerhin fünf Jahre umspannende Geschichte unseres Netzwerks. Von
den schwungvollen ersten zwei Jahren mit dem vom Umwelt-Ministerium großzügig
finanzierten Büro in Berlin; durch das Krisenjahr 2004, in dem eine
Bürogemeinschaft mit der Ökumenischen Initiative Eine Welt in Wethen wieder
gelöst werden musste; bis zu den Jahren 2005 und 2006, in denen der „Aufbruch"
lernte, aus eigener Kraft zu gehen, und durch eine kontinuierliche
Koordinationsarbeit sowie über gut besuchte Seminare seine eigene Dynamik
verdeutlichte und entfaltete. Und dann kam das, was wohl alle als das Eigentliche
dieses Treffens erlebten. Von Gabi Bott mit wunderbarer Ruhe moderiert, entfaltete
sich ein „Aufbruch"-Regenbogen: Franz-Xaver, ein Chorleiter von Beruf und
Berufung, verwandelte uns alle binnen einer Viertelstunde in einen
schnippsenden, schwingenden und vierstimmig singenden „afrikanischen" Chor;
besinnliche Text aus verschiedenen religiösen Traditionen wurden in den großen
Kreis gesprochen; Gesänge wurden angestimmt und Kreistänze angeleitet; immer
wieder ergaben sich wundersame Momente der Stille; und um die bunt gestaltete
Mitte entstand ein vielgliedriger Kreis kleiner Lichter, ein bleibendes Bild
vom „Aufbruch"-Fest!
Unvermeidlich
wurde der Sonntag Vormittag wieder nüchterner, denn man wollte durch die
AG-Berichte wenigstens eine Ahnung davon bekommen, was in den anderen AGs „gelaufen"
war. Und es wollten bestehende Pläne und neue Ideen für das Jahr 2007
besprochen werden. Am Schluss war einmütiger Konsens: im nächsten Herbst am
selben Ort wollen wir uns - in womöglich noch größerem Kreis - wieder treffen.
Gerhard Breidenstein
|